1. DER GLAUBE
Als Hauptbedingung der Aneignung des ewigen Lebens oder des Lebens schlechthin wird vom hl. Johannes der Glaube angegeben: πᾶς ὁ πιστεύων ⸂ἐν αὐτῷ⸃ ἔχει ζωὴν αἰώνιον (Jo. 3. 15), ὁ πιστεύων εἰς τὸν υἱὸν ἔχει ζωὴν αἰ (3. 36), ἵνα πιστεύοντες ζωὴν ἔχητε ἐν τῷ ὀνόματι αὐτοῦ (Jo. 20, 31 vgl. 5, 39. 13, 31. 16, 33 u.s.w.). Daß das ewige Leben vom Glauben abhängig ist, darüber besteht kein Zweifel und keine Schwierigkeit. So wird durchwegs von Anfang bis zum Ende des Evangeliums, wie auch des I. Briefes der Besitz des Lebens an den Glauben geknüpft. Denn dem πιστεύων entspricht immer an den angeführten Stellen das ἔχῃ ζωὴν αἰώνιον Der Glaube bildet also den Anfang des ewigen Lebens, denn durch ihn geschieht ein Übergang vom Tode zum Leben ... qui credit ei, qui misit me transiit a morte in vitam (Jo. 5, 24).
Eine Schwierigkeit läßt sich aber nicht verkennen, wenn man die Untersuchung über das Objekt des Glaubens anstellt, denn πιστεύειν kommt bei Johannes in verschiedenen Verbindungen vor. Man kann auf Grund dessen die betreffenden Texte in vier Gruppen teilen:
I. πιστεύειν ohne Objekt (Jo. 3, 15. 20. 31)
II. πιστεύειν εἰς (c. accus.) τὸν υἱὸν τοῦ ἀνθρώπου (Jo. 3. 16) εἰς υἱόν τοῦ θεοῦ (3, 36. 6, 40) εἰς ἐμέ (6, 47. 7, 38. 11, 25. 26) εἰς ὄνομα αὐτοῦ (1. Jo. 5, 13. Jo. 2, 23).
III. πιστεύειν ὅτι - ἐγώ εἰμι (J o. 8. 24) ὅτι Ἰησοῦς ἐστιν ὁ χριστὸς ὁ υἱὸς τοῦ θεοῦ (Jo. 20, 31)
IV. πιστεύειν cum dativo - -τῷ πέμψαντί με θεῷ (5, 24), ἐμοί (Jo. 5, 46. 8, 45. 46. 6, 30. 14, 11)
Doch diese Konstruktionen besagen fortwährend das eine und zwar das Objekt des Glaubens. Klar ist vor allem, daß π. εἰς dieses bedeutet. Dasselbe gilt auch von der Verbindung mit ὅτι, welches nur mit einem Nebensatz das erklärt, was Objekt des πιστεύειν ist. Daß man ὅτι auf εἰς zurückführen darf, dafür spricht die Tatsache, daß sie in gleicher Weise gebraucht werden z.B. Christus bittet den Vater, bevor er das Wunder der Auferweckung des Lazarus wirkt, ἵνα πιστεύσωσιν ὅτι σύ με ἀπέστειλας (Jo. 11, 42) und dementsprechend wurde als Folge desselben ἐπίστευσαν εἰς αὐτόν (V. 45) angegeben. Ebenso Jo. 14, 11 πιστεύετέ μοι ὅτι - gleich darauf πιστεύων εἰς ἐμὲ. Der Unterschied ist, wie Zie, tlow (a Oa 11) gut sagt, nur formeller Natur. «... Während in πιστεύσωσιν ὅτι die Anerkennung auf die Beschaffenheit einer Person oder Sache gerichtet ist, gilt sie in πιστεύειν εἰς der Person nach ihrer Beschaffenheit». Diese Beschaffenheiten sind sehr zahlreich und zwar, daß Jesus der Christus ist (11, 27 1 Jo. 5, 1), daß er Gottes Sohn ist (1 Jo. 5, 5) oder der Heilige Gottes (Jo. 10, 36 vgl. 17, 19) d. h. der von Gott zum Messias geweihte (6, 69), daß Gott ihn gesandt hat (11, 42) daß er von Gott gekommen ist (16, 30), daß Gott in ihm und er in Gott ist (10, 38. 14, 10), daß er im Fleische erschienen ist (1 Jo. 4, 2) u.s.w. Alle kommen darin überein, daß Christus das Heil - das Leben - den Menschen gebracht hat. Diese Wahrheit macht den Inhalt des Glaubens aus. Das wird von dem Evangelisten mit einem Wort πιστεύειν εἰς τὸ ὄνομα αὐτοῦ (Jo. 2, 23. 1 Jo. 5, 13) d. h. das Objekt des Glaubens ist Christus als das, wofür ihn sein Name ausgibt.
Wir kommen noch kurz πιστεύειν τινὶ. Diese Formel bedeutet den Glauben an die Person, insoweit sie etwas ausspricht (Jo. 4, 23. 5, 46. 47. 8, 45. 6, 30 etc.). Das Objekt des Glaubens bildet doch im Grunde die Person Christi. Die Sache wird dadurch bestätigt, daß dem πιστεύειν εἰς ein πιστεύειν τινὶ folgt (1 Jo. 5, 10: ὁ πιστεύων εἰς τὸν υἱὸν τοῦ θεοῦ ἔχει τὴν μαρτυρίαν ἐν ⸀αὑτῷ· ὁ μὴ πιστεύων τῷ θεῷ ψεύστην πεποίηκεν αὐτόν). Diese Stelle hat noch ein anderes Merkmal, nämlich es wird als Objekt nicht Christo sondern θεῷ angegeben. Aus dem Gesagten ergibt sich, daß der Glaube an Gott den Glauben an Christus einschließt, weil Gott ein Zeugnis über Christus ablegt. Dasselbe gilt von Jo. 5, 24. Wer an die Person Christi als den Gottesgesandten glaubt, glaubt auch an den, der ihn gesandt hat, wer ihm nicht glaubt, glaubt auch Gott nicht. « Es handelt sich nicht - sagt Zahn zu Jo. 5, 24 - um den Glauben an Gott, sondern um einen dem Auftraggeber Jesu, also seinem Zeugnis über Jesus (V. 37) geschenkten Glauben, also doch tatsächlich um Glauben an Jesus». So ist glauben τῷ πέμψαντί - glauben εἰς ἐμε.
Wenn πιστεύειν kein Objekt hat, heißt es nicht, als ob es ganz fehlen und ohne das der Glaube im Individuum bestehen könnte (Cremer-Wort. πιστεύειν 901 ), sondern es ist das gewöhnliche Objekt hinzuzufügen, wie es in Jo. 4, 41 steht und im V. 42 nachgetragen wird ὅτι ἐστιν ... ὁ σωτὴρ τοῦ ⸀κόσμου.
Um jedes Mißverständnis zu vermeiden, muß hervorgehoben werden: wenn bei Johannes das Objekt des Glaubens immer die Person Christi ausmacht, so sei nicht zu denken, daß der Glaube an den Vater zurückgestellt würde. Denn der Glaube an den Vater ist schon im Glauben an Christus enthalten und umgekehrt: Ihr glaubt an Gott, glaubt auch an mich (Jo. 14; 1). Die im Vordergrund stehende Person Christi in den johanneischen Schriften nimmt auch im Begriff des Glaubens -den ersten Platz ein.
Der Glaube ist vor allem die Anerkennung, das Fürwahrhalten und die Überzeugung davon, daß Christus das ist, für was er sich ausgibt und was sein Name bedeutet und besagt. Ganz deutlich sieht man das aus Jo. 11, 27 wo das Perfectum gebraucht wird: Ναί, κύριε ἐγὼ πεπίστευκα ὅτι σὺ εἶ ὁ χριστὸς. Damit spricht Martha ohne Zweifel ihren zur festen Überzeugung gewordenen Glauben aus, besonders wenn man bedenkt, daß sie schon seit langem gläubig war (vgl. 6, 69). Dasselbe ergibt sich aus 1 Jo. 5, 10: Qui non credit Filio, mendacem facit eum: quia non credit in tcstimonimn, quod testificatus est Deus de Filio suo. Zum Lügner kann nur dann jemand gemacht werden, wenn man behauptet, seine Aussagen seien nicht wahr. So muß also jetzt der Glaube darin bestehen, daß man von der Wahrheit überzeugt ist.
Der Glaube schließt nach Johannes auch ein Anhangen ein. πιστεύειν wechselt mit ἔρχεται πρὸς ἐμέ: ὁ ἐρχόμενος πρὸς ἐμὲ οὐ μὴ πεινάσῃ, καὶ ὁ πιστεύων εἰς ⸀ἐμὲ οὐ μὴ ⸀διψήσει πώποτε Jo. 6, 35 vgl. 6, 37. 44, 45) ὅτι μὴ πεπίστευκεν εἰς τὸ ὄνομα (Jo. 3, 18) οὐκ ἔρχεται πρὸς τὸ φῶς... Jo. 3, 20. 21), τούτῳ ὑμεῖς οὐ πιστεύετε (Jo. 5, 38) καὶ οὐ θέλετε ἐλθεῖν πρός με (5, 40). In Jo. 1, 12 wird wiederum πιστεύειν mit λαμβανειν nebeneinander gestellt: ὅσοι δὲ ἔλαβον αὐτόν, ἔδωκεν αὐτοῖς ἐξουσίαν τέκνα θεοῦ γενέσθαι, τοῖς πιστεύουσιν εἰς τὸ ὄνομα ... Das Anhangen an Christus wird auch mit ἀκολουθείν und καταλάμβανειν bezeichnet (Jo. 8, 12. 12, 25. 26 - si quis mihi ministrnt, me sequatur).
Das Anhangen des Glaubens äussert sich im Denken und Wollen. Der einzige Weg zur Erkenntnis ist der Glaube: Et nos credidimus et cognovimus, quia tu es ... Jo. 6, 69. Sie stehen beide nebeneinander und durchdringen sich gegenseitig: si mihi non vultis credere, operibus credite, ut cognoscatis et credatis, quia Pater in me est et ego in Patre (Jo. 10, 38).
Der Wille - die Liebe wird auch vom Glauben in Auspruch genommen. «Das ist das Gebot Gottes, daß wir glauben ... und einander lieben (καὶ αὕτη ἐστὶν ἡ ἐντολὴ αὐτοῦ, ἵνα ⸀πιστεύσωμεν τῷ ὀνόματι ... καὶ ἀγαπῶμεν ἀλλήλους (1 Jo. 3, 23). Einen solchen Glauben, der sich nicht in der Liebe bestätigt, kennt Johannes nicht. Deshalb werden die Worte des Heilandes von ihm so besonders hervorgehoben: omnem palmitem in me non ferentum fructum tollet eum (Jo. 15, 2). Der Mangel an Glauben folgt dem Mangel an Liebe ... huic vos non creditis (Jo. 5, 32) Sed cognovi vos quia delectionem Dei non habetis in vobis (ibid. V, 42). Dagegen die Gläubigen, sie glauben und lieben: ὑμεῖς ἐμὲ πεφιλήκατε καὶ πεπιστεύκατε ὅτι (Jo. 16, 27. vgl. 8, 42).
Nach dem hl. Johannes, sagt Schanz (Komm. in Jo. 5, 26) mit Augustin, wollte der Heiland den Glauben von den W erken nicht scheiden und ein solcher Glaube, der keine Frucht bringt, ist für den Evangelisten undenkbar (Jo. 15, 1-13), weil er sonst nur erzwungen (Jo. 2, 23) und ohne personliche Hingabe an Jesus, die eigentlich Grundlage des sittlichen Lebens ist, zum Vorschein gebracht ist.
Zum Schluß möchten wir noch etwas über die Genesis des Glaubens hinzufügen, weil sie auch etwas zur Klärung des Aneignungsprozesses des Lebens beitragen kann.
Das Zustandebringen des Glaubensaktes und dadurch des ersten Schrit, tes zur Aneignung des Lebens, geht von Gott aus. οὐδεὶς δύναται ἐλθεῖν πρός ⸀με ἐὰν μὴ ὁ πατὴρ ὁ πέμψας με ἑλκύσῃ αὐτόν (Jo. 6, 44). Es steht fest, daß die Tätigkeit Gottes beim Glauben unbedingt notwendig ist -nemo potest venire, ... si pater non traxerit. Mit dem Ausdruck «ziehen» -ἑλκύειν ist der Glaube «in seinem ganzen Umfange als gottgewirkte Gnade» dargestellt (Tillmann-Komm. Jo. 6, 47). Mit eigenen Kräften kann der Mensch den Glaubensakt nicht leisten, wenn Gott ihm die Fähig-keit und Neigung dazu nicht gibt. Auf derselben Wahrheit fußen auch die Worte Christi, die er zu den Aposteln sprach: Non vos me elegistis: sed ego elegi vos et posui ... (Jo. 15, 16). Deshalb ist der Glaube eine Gabe und ein Geschenk Gottes, denn erst durch die zuvorkommende göttliche Gnade wird der Mensch gläubig (6, 44). Daß wirklich die Gnade Gottes der ganzen Welt dargeboten wird, kann man daraus schließen, daß Christus für alle gestorben ist: et ipse est propitiatio pro peccatis nostris: non pro nostris tantum, sed etiam pro totius mundi (1 Jo. 2, 2) und daß er die Sünde der Welt trägt (ohne Ausnahme - Jo. 1, 29). Also πᾶς ὁ ⸀ἀκούσας παρὰ τοῦ πατρὸς καὶ μαθὼν ἔρχεται πρὸς ⸀ἐμέ (Jo. 6, 45). Der letzte Text sagt uns außerdem etwas mehr. Die Worte ἀκούσας und μαθὼν schließen die bloße Tätigkeit Gottes aus. Die Mittätigkeit des Menschen wird ebenso-gut gefordert. Das «Ziehen» des Vaters äußert sich als ein inneres Spre-chen, das vom Menschen gehört werden muß, aber auch durch den men-schlichen Willen zum Schweigen gebracht werden kann (Vgl. Oehler Glaube u. Geburt Th. Q. (1838) 600).
Der Ruf des sprechenden Gottes muß gehört werden. In dem Sinne ist der Glaube ein Gehorsamsakt. Dem πιστεύειν wird (3, 36) ansi0wv entgegengesetzt: ὁ πιστεύων εἰς τὸν υἱὸν ἔχει ζωὴν αἰώνιον· ὁ δὲ ἀπειθῶν ... οὐκ ὄψεται ζωήν ... Die Willensentscheidung ist notwendig, denn der Glaube muss ein freier Akt sein (Jo. 6, 13). Weil eine solche Bedeutung dem menschlichen Willen beim Glauben zugeteilt wird und Johannes ihn eigent• lich als den entscheidenden Faktor betrachtet, ist das Gericht eine Selbst-verurteilung (Jo. 3, 18-22). Das ist das wesentliche Moment des Glaubens.
Der Glaube also ist nach Johannes die Überzeugung von der Sohnschaft Christi und der Wahrheit seiner Lehre, die mit sich das «Leben» und Heil bringt. Dieser Glaube beherrscht den Verstand und Willen. Erst durch einen solchen, den ganzen Menschen in Anspruch nehmenden Glauben, ist der Mensch vom Tode in das Leben übergegangen (1 Jo. 3, 14) nicht bloß in dem Sinne, daß er die Hoffnung auf das ewige Leben besitzt, sondern in dem Sinne, daß das ewige Leben nur die höchste, aber doch spezifisch gleichartige Entwicklungsstufe des diesseitigen Gnadenlebens darstellt (Rademacher-Übern. Lebensord. 133).

