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2. DIE GEBURT ZUM LEBEN

Aus dem Gesagten ist bis jetzt noch nicht klar geworden, wie eigentlich der Glaubende sich das Leben aneignet. Um auf diese Frage eine voll-ständige Antwort zu bekommen, müssen wir uns dem johanneischen Begriff der « Geburt aus Gott » zuwenden, die ein Bindeglied zwischen Glaube und Leben ausmacht. - Wie beim natürlichen, so muß auch beim übernatürlichen Leben, der Empfang desselben - eine Geburt (und diese eine Zeugung) voraussetzen. 'ἐὰν μή τις γεννηθῇ ἄνωθεν, οὐ δύναται ἰδεῖν τὴν βασιλείαν τοῦ θεοῦ. Jo. 3, 3. In V. 5 heißt es: ἐὰν μή τις γεννηθῇ ἐξ ὕδατος καὶ πνεύματος, οὐ δύναται ... Es ist also eine Geburt von oben, (Daß ἄνωθεν wirklich an dieser Stelle «von oben» bedeutet und nicht «wie-derum», ergibt sich daraus, daß Joh. ἄνωθεν sonst in dieser Bedeutung gebraucht, wie z.B. 3, 31 Ὁ ἄνωθεν ἐρχόμενος ἐπάνω πάντων ἐστίν auch 19, 11. Non haberes potestatem adversum me ullam, nisi tibi datum esset desuper (δεδομένον σοι⸃ ἄνωθεν) und 19, 2.3 Erat autem tunica inconsutilis desuper (ἄνωθεν) contexta per tocum. Zu dieser Ubersetzung zwingt uns noch die Zusammer.srellung mit Jo 1, 12. 13, wo dem ἄνωθεν γεννηθῆ ἐκ τοῦ θεοῦ ἐγεννήθησαν entspricht. Der Vorwurf, daß Nikodemus doch die Worte des Heilandes als die von einer neuen Geburt handelnden verstand (V. 4) ist dadurch wider­legt, daß der jüdische Gelehrte den Heiland nicht nur mißverstanden, sondern über­haupt nicht verstanden hat. Aus den Worten Christi selbst aber kann man gegen unsere Übersetzung nichts einwerfen) die Geburt aus Wasser und Geist.

Daß in diesen Texten die Rede von der Taufe ist, wird allgemein heute auch von den protestantischen Autoren (So schreibt Grill in seinen «Untersuchungen» (S. 345) «Sie (die Geburt von oben) kommt nur zustande i; ifocao; i-.:ai :-rvsv,11a-ro; mit anderen Worten durch den an das Sakramentsmysterium der christlichen Taufe gebundenen (? !) Empfang eines gedoppelten Heilsgutes: der Vergebung der Sünden und des hl. Geistes! Ebenso H. Holtzmann (Theo!. N. T. II 555) «Aber selbst in der für die Neuge burt maßgebenden Stelle J, 5 wird, was ohne Bezugnahme auf die Taufe in keiner Weise zu verstehen ist, das Wasser noch festgehalten...» (vgl. noch v. Schrenck, Anschauung v. «Leben» 105) anerkannt.

Der Glaube bewirkt von sich noch nicht die Geburt. Er disponiert nur zum Empfange der Taufe, indem er in sich die Bereitwilligkeit einschließt, alles das zu tun, was notwendig ist, um des Lebens teilhaftig zu werden. Denn der an Christus als den göttlichen Meister glaubende Nikodemus muß getauft werden und jeder Gläubige ist aus Gott geboren (1 Jo. 5, 1).

Wenn trotzdem dem Glauben das Leben zugeteilt wird (Jo. 3, 36. 6, 47) so wird immer der vernünftige, lebendige Glaube gemeint, der die Taufe einschließt. Nur dann kann zugegeben werden, daß «aus Gott geboren» und «glauben» zusammenfallen, wenn die oben genannte fides in Betracht kommt.

Bevor wir näher auf diesen Prozeß eingehen, müssen wir eine Schwie­rigkeit erledigen, die uns B. Weiß vor Augen stellt. Er schreibt, daß «eine Beziehung zwischen der Geburt aus Gott und dem ewigen Leben nirgends angedeutet sei, daß also, da bei der reichen Anwendung und Verwertung beider Begriffe ein solcher Zusammenhang einmal angedeutet sein mußte, diese Gedankenverknüpfung von Johannes nicht vollzogen sei » (Der joh. Lehrb. 86). Der Meinung war anfangs auch H. Holtzmann, (Handkomm. in Jo. S. 62 - in der « Theol. N. T. II, 578) später gibt er die alte Ansicht auf. Die Geburt von oben, die durch die Taufe geschieht, sollte nach ihm in keinem Zusammenhang stehen mit dem Begriff des ewigen LP-bens. Aber mit Unrecht! \Vie schon früher angegeben wurde, wechseln die βασιλείαν τοῦ θεοῦ mit ζωὴ αἰώνιος bei den Synoptikern und ebenso bei Johannes. Höchstens hängt hier der Gebrauch des einen oder des anderen Ausdruckes von dem Hörerkreis ab. Dem jüdischen Gelehrten waren beide Begriffe geläufig. Dazu kommt noch die Tatsache, daß das nikodemische Gespräch von der ἄνωθεν - Geburt als Bedingung zu ἰδεῖν τὴν βασιλείαν τοῦ θεοῦ mit der Behauptung endet, daß Jesus der Leben­spender sei: ut omnis qui credit in ipsum, non pereat, sed habeat vitam aeternam (Jo. 3, 15. 17). Es steht fest, daß in der Geburt von oben das ewige Leben gesetzt wird (Derselben Ansiehe ist neuestens Lindblom - Das ewige Leben, 2.29. «Indirekt wird dieser Zusammenhang zwischen der Wiedergeburt und dem ewigen Leben wenig­stens angedeutet an der Hauptstelle der Lehre von der Wiedergeburt im Nikodemus gespräch»)

Der Grund, warum die Geburt von oben verlangt wird, liegt darin, daß die Natur des Menschen an sich unfähig ist, ewiges Leben zu genießen. Das johanneische ewige Leben ist ein übernatürliches Gut. Der Befähi­gungsprozeß besteht nicht in der Zerstörung der alten menschlichen Natur mit ihren Lebenskräften, sondern in dem Empfang einer neuen Natur, die sich mit der alten organisch verbindet und sie nach allen Richtungen erhöht und veredelt. Deshalb muß jeder, der zum Besitz des ewigen Lebens kom­men will, einer solchen geistigen Wiedergeburt sich unterziehen. ἐὰν μή τις γεννηθῇ ... macht Jesus keine Ausnahme.

Die Lebenden werden von Johannes einfach als die, die aus Gott ge­boren sind ἐκ τοῦ θεοῦ ἐγεννήθησαν Jo. 1, 13. γεγέννηται 1 Jo. 2, 29, 3, 9. 4, 7. 5, 1 6 ὁ γεγεννημένος Jo. 3, 6. 8. 1 Jo. 5, 1. 4. 18 oder die aus Gott sind, bezeichnet (Jo. 8, 47. 1 Jo. 3, 10. 4, 3. 4. 5, 19. 3 Jo. 11 usw.). In allen diesen Texten, besonders in Jo. 1, 12-13 ist die Geburt immer als die aus Gott gekennzeichnet und zwar aus Gott, dem Einen und Dreieinigen, nicht als die Geburt ἐκ τοῦ πατρόϛ , wie sie dem Sohne eigen ist. Die Ge­burt «aus dem Geiste» will nicht ausschließlich eine göttliche Person nennen - wie es die Parallele ἐκ θεοῦ zeigt.

Ein zweiter Unterschied ist der, daß die Berufung zum Leben eine freie Tat Gottes ist - des Geistes, der da weht, wo er will (Jo. 3, 8) - ein Erweis außerordentlicher Liebe Gottes zur Welt, daß er zu dem Zweck seinen Sohn dahingab (Jo. 3, 16). Da die Geburt eine freie Tat Gottes ist, so verbietet sie jede pantheistische Auslegung des johanneischen Begriffes der Geburt zum Leben, da sie eine selbständige Person voraussetzt und sie in eine innige Gemeinschaft mit Gott hineinzieht, doch diese der Selb­ständigkeit nicht beraubt.

Wir müssen noch näher auf den Ausdruck ἐκ τοῦ πνεύματος eingehen. Der Wiedergeborene wird demnach πνεύματικός (Jo. 3, 36) genannt. Die Geburt als solche enthält noch keinen Geistesempfang, wie Grill meint («Untersuchungen» 343). Sie ist nur eine Zeugung aus dem hl. Geiste, aber keine Erfüllung mit ihm. Die letzte Tätigkeit setzt die erste voraus, beide sind scharf auseinander zu halten und nicht als eins zu betrachten. Es ist auch des­halb falsch, wenn v. Schrenck annimmt: Er (Johannes) spricht damit (die Taufe als Grund des Lebens behandelnd) nur die allgemeine, ur­christliche, speziell paulinische Erkenntnis aus, daß Taufe und Gei­stesempfang zusammenfallen, mindestens in Verbindung stehen» (a Oa 107). Den Geistesempfang hat Christus bei Johannes ausdrücklich erst nach seiner Himmelfahrt versprochen. (ἐὰν δὲ πορευθῶ, πέμψω αὐτὸν (παράκλητον) πρὸς ὑμᾶς (Jo. 16, 7). οὔπω γὰρ ἦν ⸀πνεῦμα, ὅτι Ἰησοῦς ⸀οὐδέπω ἐδοξάσθη (Jo. 7, 39), während die Taufe schon zur Zeit des Le­bens Jesu auf Erden erteilt wurde (Jo. 1, 33 - hie est, qui baptizat in Spiritu Sancto - 3, 22. 26 - Rabbi, qui erat tecum trans Jordanem ... ecce hie baptizat ... ). Aus dem nikodemischen Gespräch ist klar, daß die Taufe Christi ein Sakrament war, denn ὓδωρ καὶ πνεῦμα (Gratis asseritur - gratis negarur, was Niebergall über die Authenzität dieser Worte schreibt: «Von dem Wasser der Taufe reden wir am besten nichts. Vielleicht hat A. Merx mit seiner Vermutung Recht, daß dieses Wort eingeschoben ist, um gerade im Interesse der mit dem Kapitel bestrittenen Sakramentskirche die Ehre dieser Insti, tution zu retten; fehlen könnte es ja ganz gut» (Handbuch z.N.T.V. [1909] 230)) werden durch die Präposition ἐξ zusammengeschloßen und man kann sie nicht trennen, ohne dem Text Gewalt anzutun. «Jesus spricht in der Tat von der christli­chen Taufe in ihren beiden wesentlichen Bestandteilen, dem äußeren, sichtbaren Zeichen und der unsichtbaren, inneren Geistesgnade, durch die die Neugeburt, die Zeugung aus Gott bewirkt wird» (Tillmann - in Jo. 3, 5 S. 69-70).

Der Geistesempfang setzt die Zeugung aus dem Geiste voraus. Seine Aufgabe ist, das schon empfangene Leben zu vertiefen und zu befestigen ille vos docebit omnia et suggeret vobis omnia (Jo. 14, 26. 16, 12. 13).

Wenn wir die johanneische Darstellung von der Geburt z.B. mit der paulinischen oder derjenigen der anderen Apostel vergleichen, so ergibt sich, daß Johannes vornehmlich das positive Moment betont. Er drängt dadurch das göttliche Element, die übernatürliche Herkunft und Würde - des angefangenen ewigen Lebens in den Vordergrund. Was Belser zur Nikodemus-Stelle im Evangelium bemerkt, ist überhaupt für die johan­neische Geburt charakteristisch. « Der Heiland übergeht in der Beschrei­bung des Taufwunders das negative Moment, welches in der durch das Wasserbad symbolisierten Sündentilgung besteht (Act. 2, 28. 3, 19) und hebt ... das positive Moment hervor, worin das Taufwunder kulminiert, die innere Umwandlung und Erhebung in den Stand der Kindschaft Gottes (Jo. 1, 12. 13) (Das Zeugnis d. 4. Ev . ... 30). Das ist zugleich der stärkste Beweis gegen B. Weiß, daß die γέννησις ἄνωθεν in der engsten Verbindung mit dem ewigen Leben steht.

Wir schließen hiermit unsere Betrachtung darüber, daß die Geburt zum Leben in der Taufe geschieht, die also eine gnadenreiche Mitteilung des göt, tlichen Lebens an den Menschen verursacht. Durch sie geschieht die Um­setzung des glaubenden Menschen in die selige Ewigkeit. Hier liegt auch der Mittelpunkt der johanneischen Lebensauffassung.

Йосиф Сліпий - герб
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