3. OTTESGEMEINSCHAFT
An mehreren Stellen und bei verschiedenen Gelegenheiten spricht der hl. Johannes von der Gottesgemeinschaft der Gläubigen. Ganz allgemein wird gesagt, daß Gott in uns bleibt (1 Jo. 4, 12. ὁ θεὸς ἐν ἡμῖν μένει). Wir sind und bleiben in Gott: Et qui servat mandata eius (Dei) in illo manet et ipse in eo (1 Jo. 3, 14). Um sie zu pflegen, muß man seine Gebote halten, sein Wort hören, unseren Willen dem Seinigen gleich machen Qo. 8, 51. 14, 21). Die Bruderliebe ist ein Zeichen, daß Gott in uns bleibt: In hoc cognoscimus, quoniam in eo manemus et ipse in nobis (1 Jo. 4, 13). So lange auch die Liebe zu Gott in uns ist und nicht verschwindet, so auch die Gemeinschaft mit ihm: Deus charitas est et qui manet in charitate in Deo manet et Deus in eo (1 Jo. 4, 16). Die Gemeinschaft ist eine gegenseitige - in ipso manet et Deus in eo (1 Jo. 3, 24. 4, 16).
Mit der Aneignung des «Lebens» ist der Mensch in eine erhabene Gottesnähe gerückt. Wie die oben angeführten Stellen die Innigkeit dieser Beziehungen zur Gottheit uns nahe bringen, so tritt sie noch mehr in Jo. 14, 20-23 zum Vorschein. Die Gemeinschaft mit. Gott ist eine Gemeinschaft nach Art der Perichorese: In illo die vos cognoscetis quia ego sum in Patre meo et vos in me et ego in vobis - et ad eum veniemus et mansionem f aciemus. Das Bindeglied ist die Liebe, deshalb ist es kein Sklaven-sondern ein Liebesverhältnis - qui autem diligit me diligitur et Patre meo et ego diligam eum, et manifestabo ei me ipsum. Die Gemeinschaft mit Gott ist auch eine reelle, weil die Worte mansionem faciemus ein tatsächliches Wohnen Gottes in uns ausdrücken. Die genannten Ausdrücke enthalten noch einen anderen sehr tiefen Gedanken und zwar, daß nicht der Mensch die Gottheit erfassen wird, sondern umgekehrt, Gott durchdringt ihn und durchtränkt ihn mit seinem göttlichen Leben. Dieses innige lneinandersein von Gott und Menschen ist das Höchste, was Christus von sich und dem Vater aussagt: es ist auch das Höchste, was die Gläubigen in ihrer Weise erfahren sollen (Jo. 6, 57. 14, 10, 11, 12. 17, 23. 26).
Das Auffallendste unserer Stelle ist noch das, daß der begnadete Mensch nicht nur zu Gott dem Einen in Beziehung tritt, sondern zu den drei Personen Gottes selbst. Sehr klar und scharf faßt es Meschler auf: «(In diesen Worten) ist das tiefste, erhabenste und süßeste Gleichnis der Begnadigung ausgedrückt. In der Mitteilung der heiligmachenden Gnade liegt das Fundament einer besonderen Beziehung zu den göttlichen Personen selbst (auch zum Hl. Geiste V. 17) apud vos manebit et in vobis erit), die durch die Bewirkung und Erhaltung dieser heiligmachenden Gnade, durch eine ausnahmsweise Zueignung, durch besonderen Schutz ihrer persönlichen Eigenschaften der begnadeten Seele offenbaren, sie zu sich in besondere Beziehung bringen, von ihr gleichsam Besitz nehmen und inneres Leben durch dieselbe einführen. Diese gnadenweise Beziehung, Offenbarung und lnnewohnung kann gradweise fort und fort erhöht und verklärt werden bis zur seligen Anschauung im Himmel» [Das Leben uns. H. J. Christus IP Freiburg (1894) 277].
Am klarsten und anschaulichsten wird die Gemeinschaft der Gerechtfertigten mit Christus in der von Johannes überlieferten Rede des Heilandes vom Weinstocke und den Reben (Jo. 10, 1-7) geschildert. So anschaulich wie in diesem Gleichnisse tritt die Wahrheit von der Innigkeit· der Gottesgemeinschaft nirgends bei Johannes zum Vorschein.
V. 1. Ich bin der wahre Weinstock - ἡ ἀμπελος ἡ ἀληθινή. Mit diesem Wort drückt Christus gleich die Wahrheit aus, daß seine Gemeinschaft mit den Jüngern höchste Wirklichkeit ist, wie es wahrlich in der Natur ein Verhältnis zwischen den Ranken und dem Weinstock besteht. Seine Gemeinschaft ist ebenso wahr auf dem geistigen Gebiet, wie sie wahr und tatsächlich ist im Sinnbilde vom Weinstock. Wie Weinstock und Reben ein Lebenssaft durchzieht, so erfüllt ein Lebensprinzip Christus und die Seinen. Gott ist Mensch geworden, damit in ihm die menschliche Natur der Weinstock und somit wir Menschen dessen Reben sein könnten.
Unius quippe naturae sunt vites et palmites: propter quod cum esset Deus, cuius naturae non surnus, factus est homo ut in illo esset vitis humana natura, cuius et nos homines palmites esse possemus [Aug. Com. in Jo. Tract. 80 u. 1 MSL 35, 1839].
V. 2. 3. Die Gemeinschaft mit dem Heiland verlangt Reinheit bzw. Reinigung. Wie der Winzer seinen Weinstock reinigt, damit er fähig wird, eine reiche Frucht zu bringen, so wird auch der Gläubige von den Unvollkommenheiten befreit und zwar durch erhöhte und gesteigerte Gnadenerweisungen, welche ihn befähigen, den verschiedenen Neigungen zu widerstehen. Die Gemeinschaft mit Christus fördert die Ertragsfähigkeit der Gerechtfertigten, die sich in der Erfüllung der Gebote Gottes und in dem Zustandebringen guter Werke zeigt.
V. 4. 5. Diese Bestätigung kann sich nur dann bewähren, wenn der Christ unzertrennlich in Verbindung mit Christus steht, wenn er sich mit den Lebenssäften Christi nährt. Der Grund liegt darin, daß die Rebe nicht die Frucht «von sich selbst» bringen kann. In diesem Vergleich wird ἀφ' ἑαυτοῦ betont. Das Fruchtbringen ist von dem Zusammenhang zwischen der Rebe und Weinstock abhängig, so braucht auch der Gläubige die Gnadenhilfe Christi, um in ihm bleibend viele Frucht bringen zu können.
V. 6. Die Trennung vom Stamme bedeutet die Unfruchtbarkeit und den Tod. Zwar kann das Glied einen Schein des Lebens eine Zeitlang behalten; aber von der Lebensquelle getrennt, ohne eigenes, selbständiges Leben, muß es dem Ruin, dem sittlichen Tode verfallen.
Die Vereinigung mit Christus bringt mit sich die Erhörung des Gebetes. Die Grundlage seiner Gemeinschaft bildet die innige Liebe und Freundschaft. Christus ist unser Freund (Jo. 15, i4). Er liebt uns wie der Vater ihn liebt (15, 10). Die innigste Gemeinschaft mit ihm vollziehe sich in diesem Leben durch das Genießen seines Leibes und Blutes. Sie kann aber noch diesseits verloren gehen. Im Jenseits wird sie den höchsten Grad der Innigkeit erreichen und immer dauern.
Daß die Gottesgemeinschaft wirklich zum Begriff des ewigen Lebens gehört und aufs Engste mit ihm verbunden ist, beweist 1 Jo. 2, 25 wo gesagt wird, daß für das Bleiben im Vater und Sohne, Christus uns ewiges Leben verheißen hat. Aus Gott stammt ewiges Leben der Gläubigen und nur in der Gemeinschaft mit ihm kann es Bestand und Kraft behalten. Daher der starke Ton, den Johannes auf das Bleiben in Gott oder in seinem sichtbar gewordenen Sohne lege. Dieser enge Zusammenhang wird besonders im ersten Briefe, gleich im ersten Kapitel vorgelegt. In V 2 wird hervorgehoben, daß das in Christus erschienene Leben ein ewiges war, als solches, welches in der Gemeinschaft mit dem Vater geführt wurde. Im nächsten Vers (3) wird der Gedanke vom Leben wiederum in den der Gemeinschaft mit Vater und Sohn umgesetzt - « aber auch unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohne Jesus Christus».
Dieselbe Umstellung findet sich noch in Jo. 6, 54: Qui manducat meam carnem et bibit meum sanguinem, habet vitam aeternam und etwas später V 56): qui manducat meam carnem ... in me manet et ego in illo. Über den Zusammenhang beider Begriffe kann deswegen kein Streit entstehen.
Noch einen Beweis liefert uns Jo. 17, 3 - Haec est enim vita aeterna, ut cognoscant te solum Deum verum et quem misisti: Jesum Christum. Die Erkenntnis Gottes schließt notwendig die Gemeinschaft mit ihm. Die angeführte Stelle führt uns zugleich in das Wesen des ewigen Lebens ein.
Wir kommen hiermit zum Schluss unserer Untersuchung und hoffen auch damit einen klaren Begriff der Auffassung des Lebens nach dem hl. Johannes gegeben zu haben.

