VORWORT
Wenn wir hiermit an den johanneischen Gedanken vom «Leben» herantreten, so finden wir außer einem ein wissenschaftlichen Interesse noch ein anderes darin, daß dieses Untersuchen sehr geeignet für die Gegenwart ist. Denn besonders unsere Zeit scheint mehr als frühere Jahrhunderte ganz im Natürlichen und Sinnenfälligen aufzugehen und dem Übernatürlichen weniger Verständnis und Wertschätzung entgegenzubringen. Der Hinweis auf das «ewige Leben», das bei Johannes die genaueste, deutlichste und schönste Behandlung fand, wird immer für jede materialistische Auffassung ein starkes Gegenmittel sein. In der Tat sind die johanneischen Schriften eine große Predigt vom Leben. Jeder kann und hat ein Recht zu leben, nicht nur ein natürliches, sondern auch und vor allem ein übernatürliches Leben. «Viele Wohnungen sind im Hause meines Vaters» sagt der Heiland beim hl. Johannes. Jeder also hat Platz genug, um sein Leben entfalten zu können. Der moderne Gedanke - den Nietzsche einmal ausgesprochen hat - von den «Vielezu Vielen» ist dadurch am gründlichsten widerlegt. Aber noch durch ein anderes Moment steht die johanneische Auffassung des «Lebens» im schroffen Gegensatz zu der modernen. Die johanneische ζωὴ aἰώνιος spricht nicht die Lebensfreudigkeit des naturgemäßen Lebens und Schaffens aus, sondern es ist ein neues Leben himmlischen Ursprungs und somit ein ewig bleibendes Leben, was sich aber schon im diesseitigen Dasein des Menschen, also schon für die Gegenwart erschlossen hat.
Was die Literatur anbelangt, so können wir leider keine katholische Einzelarbeit auf dem Gebiete nennen, denn in Wirklichkeit ist darüber weder ein Buch noch ein Aufsatz erschienen. Mehr Aufmerksamkeit hat unser Thema bei den Protestanten gefunden. Ihre Untersuchungen sind hier berücksichtigt worden. Die Quelle zu unserer Untersuchung bilden hauptsächlich die katholischen Kommentare.

