PREDIGT VOR 900 DEUTSCHEN PILGERN IN DER BASILIKA DER HEILIGEN ZWÖLF APOSTEL
29 settembre 1972
Проповіді, промови
XIII
Liebe Pilger!
Die heutige Pilgerfahrt des Cäcilienverbandes der Erzdiözese Köln erweckt erhabene Gedanken. Jede Wallfahrt ist ein religiöser Akt, vor allem ein Busswerk für begangene Sünden, Fehler und Unvollkommenheiten. Und wer ist frei davon? Die Wallfahrt ist eine Busse für die eigenen Sünden und fur die Sunden unserer Mitmenschen. Die gebrachten Opfer, Mühen, Unbequemlichkeiten und Überwindungen, auch die finanziellen Opfer, Spesen, all das ist eine Genugtuung für unsere Fehler.
Es gibt zwei weltberühmte Wallfahrtsorte der Christen: Das Heilige Land und Rom. Golgotha, das Grab Christi, Bethlehem und Nazareth, Geburtsort, Jugendheimat und andere Orte Palästinas werden immer für jeden Christen verehrungswürdige Orte bleiben, an denen die Pilger reichste Gnaden erbitten und von wo sie stärkste Erinnerungen für das ganze Leben nach Hause bringen.
Der zweite weltberühmte christliche Wallfahrtsort, zugleich das grösste kulturelle Zentrum der Welt, ist Rom: Mittelpunkt der Christenheit, Sitz des Papstes. Hier sind die Gräber der hl. Apostel Petrus und Paulus und anderer Apostel, unzählige Grabstätten heiliger Märtyrer, Bekenner und anderer Geistesgrössen, hier sind die Orte blutiger Verfolgungsgeschichte der ersten Christen, Colosseum, Katakomben, Dome und Kirchen, die Gräber eines hl. Johannes Chrysostomus, eines Gregor von Nazianz und vieler, vieler anderer. Das alles mit seiner blutigen und ruhmreichen Vergangenheit steht vor Ihren Augen, liebe Pilger! Wer könnte denn gleichgültig am Grabe des hl. Johannes des Täufers im Lateran stehen? Das alles berührt jeden gläubigen Pilger bis ins Tiefste seiner Seele. Wir bewundern die heroischen Taten der grössten Männer des Christentums und werden durch ihr Beispiel zur Ausdauer in Lebensprüfungen und Drangsalen, zu Opfern und grossen Taten angespornt. Die übernatürliche Hilfe all dieser Heroen erleichtert uns das Vollbringen. « Verba volant — exampla trahunt ». Worte eilen davon, lebendige Beispiele ziehen zur Nachahmung an.
Wenn man nun in die deutsche Geschichte zurückschaut, wie unendlich lange Reihen deutscher Pilger sind in Rom vorbeigezogen, und jetzt schiessen Sie sich diesen Reihen an, um die Heiligen der Vorzeit zu verehren und um dem HI. Vater, dem Papst, zu huldigen. Da wachsen Sie geistig und atmen neue frische Gnaden ein und erwerben neue übernatürliche Hilfen!
Aber nicht nur das übernatürliche Leben erweitert und kräftigt Sie bei ihrer Wallfahrt nach Rom. Auch der natürliche Geist und seine Kräfte erholen sich. Sie stehen in Rom! Dreitausend Jahre der Geschichte ziehen vor Ihren Augen vorbei: die Gründung Roms, die ältesten Mauern, das Forum, der Palatin, das Kapitol, die Triumphbögen, die Dome und Denkmäler, und so vieles andere erweitert Ihr Wissen. Wenn man zu Hause bleibt, wird der Blick immer enger, auch beim Studium der Geschichte. Die Reise enthüllt neue Horizonte, die Denkmäler und Eigentümlichkeiten anderer Völker erwecken neue Gedanken. Auch vom natürlichen Stand punkt aus lohnt es sich, grosse Mühen für eine solche Wallfahrt zu bringen.
Deshalb feiern wir die hl. Liturgie für Sie, für Ihre Anliegen und für Ihre Heiligung. Wir danken dabei für alle erhaltenen Wohltaten. Als Katholiken fühlen wir uns ganz daheim und geistig gehoben. Die Apostel und Martyrer, Glaubensbekenner und Heiligen sind unsere mächtigen Helfer und unsere engsten Verwandten. In diesem altehrwürdigen orientalischen Dom denken wir an die hier ruhenden Apostel Philippus und Jakobus und, neben anderen hier ruhenden Heiligen, auch an den Kardinal Bessarion, den grössten Theologen des Florentiner Konzils. Dankbar denken wir zum 500 jährigen Jubiläum seines Todes an sein Wirken für die Union der Kirchen.
Wir könnten unsere Betrachtungen noch fortsetzen, aber die Kürze der Zeit erlaubt es nicht. Doch einen Gedanken sollen Sie, liebe Pilger, von hier noch nach Hause mitbringen. Das heutige Evangelium, das Sie gehört haben, erzählt von einer sehr lehrreichen Begebenheit aus dem Leben Jesu. Am Samstag kommt er, wie andere Juden, in die Synagoge und lässt sich vom Diener die Rolle des Propheten Isaias bringen. Stehend liest er die Prophetie vom Gesandten Gottes. Dann setzt er sich nieder. « Das alles » sagt Christus, « erfüllt sich heute ». Alle waren erstaunt über seine Gelehrsamkeit und baten Ihn auch Wunder zu tun, wie Er sie in anderen Stätten gewirkt hatte. Als Antwort erzählt Jesus ihnen die Geschichte von Elias und der Witwe in Sarepta und die Geschichte von dem Syrer Naaman, die Fremde waren und der grossen Gnadenwunder teilhaftig geworden waren. Die Juden gingen leer aus. Christus macht seinen Mitbürgern damit einen Vorhalt, besonders den Vorhalt des Mangels der Liebe.
Eben diese Liebe zum Vaterland, zu Ihren eigenen Heiligen und zu Ihren grossen Männern sollen Sie, liebe Pilger, in frischer Kraft nach Hause bringen, wenn Sie hier grosse Wunder und Beispiele heiligmässigen Lebens und besonders auch rie Anhänglichkeit an den HI. Stuhl sehen, erleben und bewundern können. Dann wird Ihre Pilgerschaft nicht nur hohe Gedanken wach werden lassen, sondern sie wird auch Ihren Seelen guten Nutzen bringen. Sie wird für Ihr weiteres Leben heroische Kraft und grossen Weitblick geben. Sie wird Ihrer Tätigkeit für die katholische Kirche und für Ihr liebes Vaterland eine neue, göttliche Richtung geben. Dazu segnet Sie der HI. Vater.



